PHILIPP BAYER VING TSUN

Über Ving Tsun von Philipp Bayer

Man sollte das Ving Tsun als Ganzes sehen, als eine individuelle Verbesserungsstrategie oder auch Fehlerkorrektur. Moderner als heutige Qualitätsmanagementsysteme wird damit das Individualverhalten im Kampf verbessert. Und es sollten sich alle Elemente deshalb auch zusammenentwickeln um von Anfang an zusammenzupassen. Wie ich schon mal an anderer Stelle beschrieb, ist es eben fatal, bestimmte Sachen zu spät zu erlernen während sich die anderen Elemente ohne dieses wichtige Zutat entwickeln müssen. Das Ergebnis ist ein völlig anderes und selten wieder zu korrigieren,- nach dem Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.

Der einzige Knackpunkt ist und bleibt die Seele des Ving Tsuns, ohne korrektes Chi Sau, von Lehrer zu Schüler das übertragen der entsprechenden Kräfte in enormer Geschwindigkeit, die wiederum ein bestimmtes Verhalten des Schülers generieren sollen, bleibt das wing chun ein Buch mit sieben Siegeln, wie man ja öffentlich immer wieder lesen, sehen und erfahren kann.

Ving Tsun ist nicht so zerlegbar, dass man sagen könnte – jetzt kommt das oder das,- oder wenn du den Satz hast, beginnen wir mit Sparring. Die Formen dienen zum einen, Fehler, die unter Stress entstehen, kontinuierlich zu beseitigen, den Ellenbogen „wieder“ in die korrekte Position zu bringen, Körperhaltung zu schulen, sowie ein bestimmtes „Verhalten“ zu erzeugen, das für einen Kampf nötig ist. Es ist also wichtig „Alles“ in seiner Gesamtheit zu erlernen. Wie ich schon an andere Stelle beschrieb, ist es inutil – etwas, wie etwa die Holzpuppe, erst nach 15 Jahren zu erlernen, da die Entwicklung bereits weitgehend abgeschlossen ist. Ein bestimmtes Verhalten hat sich bereits eingestellt,- man beginnt auch dann erst bei NULL und hat große Schwierigkeiten etwas Neues zu integrieren. Umzulernen, auch nur kleine änderungen, bringt immer große Probleme mit sich. Alles zusammen, wie gesagt, ergibt ein „Gefühl fürs Kämpfen“, Timing stimmt, Distanzgefühl, Schlagkraft, Situationsentscheidung, Durchsetzungsvermögen,-schlicht die Kampfbereitschaft ist hergestellt.

Na – und dann überprüft man das System im Sparring und erkennt die Schwierigkeiten… zb. häufigste Fehler: Ellenbogen wandern nach aussen, WuSao steht immer noch nicht gut, die Beinstellung ist mies, die Hüfte steht verkehrt und dadurch ist die Beweglichkeit, Balance und Schlagkraft eingeschränkt. Das alles korrigiert man durch die Formen und Chi Sao. Sind die Fehler nahezu beseitigt, erhöht man den Stress und siehe da, neue Fehler werden sichtbar und können beseitig werden.

Diese Fehler sind sehr individuell – es gibt eben Leute, die unter Stress eher einbrechen, sich verzweifelt wegdrehen und sich dadurch noch schlechter schützen können. Andere wiederum neigen dazu nach einem gescheiterten Gegenangriff dem Gegner das Feld zu überlassen, haben kein Durchsetzungsvermögen. Wieder andere verkomplizieren eine Situation unter bestimmten Bedingungen oder beginnen ihre Angriffe aus falscher Distanz und verschwenden unnötig wertvolle Energie. Also man sieht Ving Tsun ist was individuelles, in jedem Bereich – im Unterricht, Training und im Kampf. Jeder bringt sein Potenzial mit, das eine entsprechende Behandlung erfordert. Graduierungen spielen keine Rolle, jeder weiss um die Fehler des anderen und wird sogar darauf „angesetzt“, diese zu nutzen. Jeder der Fehler hat, möchte sogar, dass sich die anderen „darum kümmern“ Miteinander eben, die Durchmischung sorgt für Qualität!

Chi Sao Training mit Philipp Bayer

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Grundlagen (Interview mit Philipp Bayer)

Siu Lim Tau

Man beginnt mit der ersten Form und sollte diese relativ gut beherrschen bevor man zum nächsten Schritt geht. Das Hauptthema ist der Ellenbogen. Die Idee der Verwendung des Ellenbogens sollte immer und immer wieder erläutert werden. Entscheidend ist, woran man bei der Ausführung der Form denkt.

Dan Chi

Der nächste Schritt ist Dan Chi – man geht in eine Distanz in der man sich nicht berühren kann, aber auch nicht zu weit voneinander entfernt ist. In dieser Phase ist der Ellenbogen das wichtigste Thema. Die Arme beider Praktizierenden üben keinen Druck in keine Richtung aus. Ausführung: Handflächenschlag vom Ellenbogen, das Gegenüber macht Jam Sau, der Ellbogen geht nach innen und senkt sich, aber eben nicht das Handgelenk! Die Person die den Handflächenstoß ausgeführt hat, lässt sich ablenken und stoppt nach einer vollen Streckung mit leicht gebeugtem Ellbogen. Fauststoß vom Gegenüber mit tiefem Ellbogen bis zur vollständigen Streckung. Die andere Person macht Bong Sau und sollte bei der Rotation die Handgelenksposition nicht verändern.

Poon Sao

Als nächste Übung folgt Poon Sau. Nachdem das Dan Chi  sehr gut funktioniert ist die Koordination beider Arme kein großes Problem mehr. Der Kraftaustausch ist am Anfang das Wichtigste… hier wir die nötige Körperstruktur aufgebaut, damit ein guter Trainingspartner „entsteht“. Der nächste Schritt ist der fließende Seitenwechsel ohne den Kraftaustausch zu verlieren. Bei regelmäßigem Training von 8 Stunden pro Woche sollten bis hierher nicht mehr als 3 Monate vergangen sein!

Philipp Bayer: Schnelligkeit & Geschicklichkeit

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Sollte man einem Schüler, der Dan Chi nicht gelernt hat, Chi Sao beibringen?

Ohne Dan Chi ist es außerordentlich schwierig mit Poon Sao und noch schwieriger mit Chi Sao zu beginnen. Ausnahmen gibt es immer, aber in diesem Bereich sehr, sehr selten.

Training mit dem Wandschlagpolster

Wenn sich der Ellenbogen durch Siu Lim Tao, Dan Chi und Poon Sao richtig entwickelt hat, sollte mit dem Training an dem Schlagpolster begonnen werden, sodass auch impulsartige Kraft auf die Kraftlinie (Ellenbogen, Hüfte, Bein, Füße) wirkt. Durch das Training mit dem Schlagpolster erhält der Körper eine Rückstoß, welcher die Schlagkraft deutlich verbessert. Die Schläge dürfen nicht „aufgesetzt“ werden, sondern müssen aus dem Ellenbogen und dem Gesäß kommen. Häufiger Fehler: Schlagen aus dem Oberkörper.

Chum Kiu und Muk Jan Yong

Wenn das Poon Sao gut ist, beginnt man mit der Chum Kiu. Ich unterrichte diese im Ganzen bis zu dem letzten Tritt. Ich teile sie nicht in Drittel auf, das heißt ich unterrichte die Körperrotationen, die Drehungen mit Bong Sau und Wu Sau, die Synchronizität von Jat Sau und Pak Sau, die Schritte sowie die Rotation des Bong Sao im Ganzen. Die wichtigsen Punkte der Chum Kiu sind: Erstens ist unsere „erste Idee“ überall: Die Kraftkette vom Boden bis zum Fauststoß.  Dann sollte man bei den 180°-Drehungen die Hüfte benutzen und auf die Fußstellung achten. Durch die explosionsartige Rotation auf der Vertikalachse wird das Gleichgewicht trainiert, welches bei Richtungswechseln unabdingbar ist ! Bong Sau und Wu Sao müssen eine Einheit bilden, damit das Schlagen während des Bong Sau möglich wird (Kwan Sao). Durch die explosionsartige Drehung um die eigene Körperachse entstehen hohe Beschleunigungskräfte. Es kann leicht zu einem Überschießen der Arme kommen. Vergessen Sie nicht den Ellenbogen ! Die zweite Form hat viele Möglichkeiten, diese Fehler zu minimieren, aber ohne die Holzpuppe reicht das nicht aus. Die Synchronizität der Bewegung, des Fauststoßes mit dem schockartigen Jut Sau und/oder Pak Sau, die Einhaltung der Ellbogenpositionen und der Höhe der Arme ist bereits in den ersten Bewegungen der Chum Kiu enthalten.

Was meinst du mit dem Training am Schlagpolster? 

(Meinst du das Wandschlagpolster oder arbeitest du auch mit Pads, sobald Poon Sao einigermaßen funktioniert? Schläge aus ungünstigeren Positionen, wie sie beim Training mit Pads auftreten können sind, soweit ich das überblicken kann, eher in der Chum Kiu enthalten.)
Ich meine das Wandschlagpolster. Kaum zu glauben, dass man beim Wing Tsun fast nur in der Luft „herumballert“. Unzählige Kettenschläge in der Luft. Wenn man darüber nachdenkt, wie oft wir nicht wirklich schlagen (was letzten Endes logisch ist), zusätzlich zu den Schlägen in den Formen, kann man errechnen, wie wenig man wirklich von echtem Schlagen versteht. Einen Schlag in der Form auszuführen, um ein Muster im Gehirn aufrechtzuerhalten und zu definieren, ist eine Sache – dieses Muster in der Realität anzuwenden, eine andere. Hier sind Körper und Geist gefragt, sonst bleibt es beim Bauen von Luftschlössern.

Ich hatte gestern jemanden hier, der 5 Jahre lang Wing Tsun praktiziert (er hat heute aufgehört) und im reinen Sinne der Redeweise nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun kann. Er war sich dessen nicht einmal bewusst. Wie war das nochmal mit dem Selbstbewusstsein? Zumindest eines ist ihm bewusst geworden: Jeder, der einem Boxverein angehört und etwa so intensiv trainiert, wie er selbst, kann zuschlagen – woran liegt das? Genau, sie schlagen gegen Sandsäcke und auch sonst, sie schlagen richtig zu! Ihr Körper hat gelernt, die für die Kraftentfaltung nötige Muskulatur aufzubauen und mehr noch: Neben den Augen hat sich auch ganz einfach ein Gefühl für Distanz entwickelt – und zwar durch Übung!

Sie kennen das Spiel von Lat Sao Tjik Chung. Investieren Sie etwas mehr Zeit in das Training, trainieren Sie ab und zu eine Woche lang fast ausschließlich das Schlagen. Das Lat Sao Tjik Chung entwickelt garantiert mehr Präzision und Anfangsenergie. Aus dem Nichts kommt noch weniger heraus! Ok, soweit zum außerordentlich wichtigen Training mit dem Schlagpolster.

Das Abschneiden des Weges ist eines der Ziele, die durch das Training mit der Puppe, im Chi Sau und in der 2. Form verfolgt wird. Eines der großen Probleme im Kampf besteht darin, den Gegner sicher zu verfolgen. Wem das Wegschneiden nicht „im Blut“ liegt, läuft Gefahr, in die Angriffe des ausweichenden Gegners zu geraten, da er ihn nur jagt – ihn aber nicht einschränkt bzw. nicht in der Lage ist sofort den Abstand zu verkürzen. Letztens habe ich herausgefunden, dass man im Wing Tsun aus Angst sogar das Bein des Gegners sucht und kontrollieren will. Genau das ist der erste Schritt auf dem endlosen  Irreweg. Durch die Absicht am gegnerischen Bein zu kleben schränkt man sich viel zu sehr ein. Wer kontrollieren will, wird alles verlieren!

Wenn man die richtige Schritttechnik trainieren möchte, werden im Ving Tsun ausreichend Methoden bereitgehalten. Um nur einige zu nennen:

Fast alle Abschnitte der Chum Kiu (außer Trittabschnitte) trainieren diesen Schritt. Achten Sie darauf, gezielt an das Bein der Puppe zu gehen und zwar genau so stark wie die entsprechende Bewegung des Arms – UND mit voller Drehung der Hüfte. Denken Sie immer daran, dass der ganze Körper trainiert werden muss, dieser muss sozusagen als eine kompakte Einheit ankommen. Das Training der ersten 5 Abschnitte ist eigentlich an jedem Trainingstag verpflichtend, auch wenn es nur ein- oder zweimal ist! Als nächstes kommt der Teil in der Chum Kiu (Bong Sau/Wu Sau-Seitenschritt), auch hier schließen Sie alle Bewegungen zusammen ab, das bedeutet wiederum Bong/Wu mit Schritt als Einheit. Machen Sie sich klar, dass Bong und Wu in die gleiche Richtung denken – nicht Bong vorwärts und Wu rückwärts!

Darüber hinaus hat Wong mir diesen Schritt in einer von mir sehr geliebten Übung im Chi Sau oder Lap Sau beigebracht. Er bewegte sich plötzlich seitwärts weg und traf mich dabei leicht an der Unterseite … allerdings nur angedeutet. Ich musste die Lücke durch Jut-Fausstoß und Seitwärtsschritt schließen. Dadurch entfällt einerseits die „natürliche“ Reaktion, dem Schlag auszuweichen und ihm dadurch nur nachzulaufen, zudem entwickelt sich dadurch auch der Fokus, der nötig ist um anzugreifen und nicht nur zu verteidigen. Sobald man schnell genug ist und Erfolg hat, wird man immer sicherer. Nach einiger Zeit implementiert sich diese Praxis der Schritttechnik in fast jede Übung automatisch … ohne nachzudenken. 

Philipp Bayer Ving Tsun

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Über den Langstock

Wie mir aufgefallen ist, scheint es unterschiedliche Meinungen darüber zu geben, wann mit dem Langstocktraining begonnen werden soll. Manche halten es sogar für völlig überflüssig und in Nürnberg spricht man vom Westernzaun. Andere scheinen alles zu wissen und behaupten, dass es in Hongkong erst gegen Ende der Ausbildung gelehrt wurde.

Als mein Lehrer 1986 zum zweiten Mal nach Deutschland kam, brachte er einigen meiner Schüler die ersten Schritte des Langstocks bei. (siehe Fotos) Diese wurden im Mai 1986 an der Gedenkstätte Altena-Westfalia aufgenommen. Die meisten von ihnen hatten ein oder zwei Jahre lang bei mir trainiert. Ich selbst kannte Sifu Wong erst seit drei Jahren!

Die Gründe dafür, dass er den Langstock so früh lehrte, waren vielfältig: Erstens war er der Meinung, dass der Langstock schwer zu kontrollieren sei und viel Übung über einen langen Zeitraum erfordere, um die Entwicklung des Ving Tsun als Ganzes zu beeinflussen. Zweitens starten die meisten auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit mit dem Stock, so dass nur noch wenig Zeit bleibt, um die Vorteile eines solchen Trainings zu ernten. Die Fähigkeit, eine Chance zu nutzen, ist für das System von grundlegender Bedeutung. Wenn man dazu nicht in der Lage ist, sind Schlagkraft und Kampfgeist hinfällig. Das Training mit dem Langstock, insbesondere der niedrige Stand, trägt wesentlich zu einer erhöhten Startgeschwindigkeit und einer schnelleren Beinarbeit bei.

Eine weitere wichtige Fähigkeit, die durch verschiedene Stockübungen entwickelt wird, ist die Kraft aus dem ganzen Körper. Ohne diese bleiben die Schläge mechanisch und ihre Kraft basiert lediglich  auf dem Durchmesser der Arme des Praktizierenden. Sogar jemand, der 15 Jahre lang „ArmVingTsun“ gemacht hat, wird zu Beginn dieser Übung wie ein absoluter Anfänger aussehen. Leider ist er jetzt 15 Jahre älter und seinem Ving Tsun sind 15 Jahre wesentlicher Einflüsse entgangen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass das Training mit Langstöcken nicht nur die Schlagkraft, sondern auch die Schlagpräzision erhöht, was bedeutet, dass die maximale Kraft auf einen kleinen Aufprallbereich konzentriert wird. Mehr dazu später in meinem Buch, das einige von Wong Shun Leungs Lehren über Waffen enthalten wird, einige davon handgeschrieben und übersetzt.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es einige Schüler gibt, die den Langstock richtig handhaben können, ohne dass sie auch nur die Siu Lim Tao beherrschen. Es gibt auch diejenigen, denen es nach fünf Jahren hartem Training nicht mehr gelingt. Sollte der Lehrer also der begabteren Person den Stock wegnehmen und sie um weitere 5 Jahre vertrösten ? Wer würde einem Kind, das bewiesen hat, dass es intuitiv hervorragend malt, den Buntstift wegnehmen, nur weil es dafür noch zu früh ist? Würde man einen Drittklässler von der Schule verweisen, nur weil er bereits auf dem Leistungsniveau der sechsten Klasse und den anderen sogar voraus ist ? NEIN! Wenn man nur ein bisschen Köpfchen hätte, würde man seine Fähigkeiten durch zusätzliche Anforderungen steigern. Im Kung Fu und insbesondere im Ving Tsun, wo eine ganzheitliche körperliche Entwicklung im Vordergrund steht, ist es für ein gutes Endergebnis vor allem wichtig bereits in jungen Jahren zu beginnen. Wenn diese Entwicklung jedoch blockiert, verzögert oder überhaupt vereitelt wird, ist fraglich, ob irgendein Ergebnis von dem wahrscheinlich inzwischen „ergrauten“ langjährigen Schüler erreicht werden kann, der möglicherweise nicht einmal mehr in der Lage ist den Stock zu heben. 

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